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„Väter – die neuen Helden“, Part 2: Klischees, Klischees!

Väter die neuen Helden

Heute läuft ab 22:10 Uhr im WDR der zweite Teil der Reportage „Väter die neuen Helden“. Zwei frische Väter erzählen offen und unverstellt von den ersten Wochen des Vaterseins. Ich habe mir die dreißigminütige Sendung schon jetzt angeschaut und muss sagen: Heldenväter? Fehlanzeige! Maternal gatekeeping: Nicht existent. Der Reportage gehen im zweiten Teil auf dramatische Weise die Klischees aus.

Mütter vs. Vaterhelden

„Wenn man uns lässt“ lautet der anklagende Untertitel der zweiteiligen Reportage, dessen Haupttitel allein schon Schlimmstes erahnen lässt. Väter als verhinderte Helden. Aber wer hindert sie? Die Mütter, die Unternehmen, die Illuminaten? Arme, arme Superhelden.

Nach knapp einer halben Stunde sitzt man da und wundert sich: Wo ist denn nun die Mutter, die dem Vater den Zugang zum Kind verwehrt? Wo ist die Mutter, die genauer auf den Vater als auf das Kind achtet? Wo ist die Mutter, die ihrem Partner die Versorgung des Kindes nicht zutraut und lieber alles, alles alleine macht? Wo ist sie, die böse Frau, die den Mann daran hindert, als Vater endlich der neue Held zu werden? Aufgepasst, hier kommt der spoiler: sie taucht in der Reportage überhaupt nicht auf. Sorry, guys. Sorry, Superhelden.

Mit viel Missgunst und detektivischer Kleinarbeit findet sich maximal eine Situation, in der sich eine so genannte ‚Gluckenmutter‘ verstecken könnte. „Dann kann man Mama nicht immer meckern!“, sagt das kleine Mädchen, das mit seinem Vater ein gemeinsames Wochenende zu zweit verbringt.

Sie freut sich über die Zeit, die sie mit ihrem Vollzeit arbeitenden Vater verbringen darf. Er freut sich auf das, wie er es nennt „Einfach mal ‚wir‘ sein“ – was immer damit gemeint ist. Sollte er vielleicht lieber mal einem Männerbund beitreten?

Diese männliche Sehnsucht nach „Hauptsache anders als die Mutter“ irritiert mich immer wieder auf’s Neue. Was soll das?

Mehr Hinweise zu Müttern, die ihrem Partner den Superhelden-Status verwehren gibt es nicht. Maternal gatekeeping? Fehlanzeige! Verhinderte Helden? Ebenfalls nicht zu finden. Der Reportage gehen schlichtweg die Klischees aus. „Wenn man uns lässt“. Ist diese Titelwahl noch chuzpe oder ist es schon handwerkliches Versagen? In jedem Fall bleibt es tragisch, wenn selbst im Öffentlich-Rechtlichen um jeden Preis Klischees bedient werden müssen.

„Vater sein“ – aller Anfang ist ehrlich

Alle Klischees und Titel beiseite legend, geht es im zweiten Teil mit dem Titel „Vater sein“ schlicht um zwei Männer, die gerade Vater geworden sind. Sie sind keine Helden und schon gar keine von Müttern verhinderte Superväter. „Väter – die neuen Helden“? Wieder einmal ist selbst der Haupttitel der Reportage irreführend.

Wie schon im ersten Teil gesehen, heischt man um Aufmerksamkeit. Dabei hat man das gar nicht nötig. Die beiden Frischlingsväter erzählen nämlich offen und unaufgeregt von sich und von ihrer Situation. Sie stehen in der Tat für einen Typ Vater, der sich einbringen möchte. Der Typ Vater, der auch seine Peinlichkeiten manchmal ganz offen hinaus posaunen kann. Das tat er auch schon im ersten Teil übrigens.

Kurios am Rande: Der junge Vater, der zwei Monate Elternzeit nimmt und danach in Teilzeit geht, so heißt es, sei nach einer Woche schon ganz eins mit seinem Sohn geworden. Wenn sie an dieser Stelle die Lautstärke kurz auf 100 Prozent drehen, können sie im Hintergrund deutlich das hysterische Lachen all der Väter hören, die mit ihrem Kind länger als die üblichen acht Wochen zu Hause geblieben sind.

Väter dürfen Wahrheit sprechen

„Es ist mühsam und anstrengend und hart und einfach total nervig!“

Bei diesem Satz horche ich auf. Ich drücke auf „Pause“, spule noch einmal zurück und lasse diese Worte noch einmal durch meine Gedanken ziehen. Der zweite Frischlingsvater spricht die Wahrheit über das Elternsein aus. Ganz nebenbei und einfach so. Ja hat der denn das Memo nicht bekommen?

Es ist diese schizophrene Wahrheit, die viele Eltern kennen. Man kann glücklich und gleichzeitig völlig frustriert sein. Und manchmal sitzt dieses Glück ganz leise in der Ecke und weint.

Wenn Mütter aber über diese dunkle Seite der Elternschaft sprechen, dann hagelt es Kritik. Wie könne man nur so etwas fühlen, geschweige denn sagen? Frust, Wut, Aggression? Ist Mutterglück nicht das größte Glück von allen?

Väterglück darf diese dunkle Seite scheinbar nicht nur haben, sondern auch ganz öffentlich allen zeigen. Wenn ein angeblicher Supervater sagt, dass er manchmal total genervt sei, dann ist das keinen weiteren Kommentar wert. Ganz im Gegenteil: er wird ein klein wenig dafür gefeiert, dass er seine Gefühle so offen aussprechen kann.

Kritikpunkt: Sichtweise

Nach dem ersten Teil haben viele bemängelt, dass nur die männliche Seite zur Sprache käme. Nie konnte man wirklich hören, ob die Männer nun ihre jeweiligen Entscheidungen ganz allein im stillen Kämmerlein getroffen haben — also so, wie es Superhelden tun würden – oder ob es gemeinschaftliche, sprich: familiäre Entscheidungen waren.

Ich kann diese Kritik verstehen, denn das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie auch das Thema Familienarbeit, beides sind geschlechtsunabhängige Themen. Auch ich bemerke an mir selbst, wie mich diese geschlechtstrennende Sicht auf das Thema mehr und mehr befremdet.

Allerdings sehe ich es wenigstens teilweise auch als Chance an, die Vaterseite erst einmal für sich zu betrachten, um sie dann durch die Mutterseite (lies: Realität) zu ergänzen. Das eine geht nicht ohne das andere.

Fazit: Weder Helden noch Glucken

Meine erste Erkenntnis nach den zweiten 30 Minuten: Männer dürfen ehrlich davon sprechen, dass sie das Vaterglück nicht übermanne. Dass es manchmal nicht nur schön, sondern auch „nervig“ sei. Und ernten dafür keine Kritik, sondern im schlimmsten Falle Anerkennung.

Die zweite Erkenntnis: so genannte „Väterexperten“, die dringend einen Termin beim Chiropraktiker bräuchten, machen für ihre Kinder gerne Flammkuchen. Das ist ja dann auch gleich viel kultivierter, als sagen wir, die Pizza in den Ofen zu schieben.

Die dritte Erkenntnis: man kann eine schöne Reportage über moderne Väter machen und trotzdem alle dümmlichen Klischees von Vaterhelden und Gluckenmüttern unreflektiert bedienen. Dass weder das eine noch das andere im Gezeigten vorkommt, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Schade, denn eigentlich habe ich mir beide Teile gerne angeschaut. Als Gesamtpaket betrachtet bleibt aber doch ein fader Nachgeschmack an dem Gesehenen haften.


Übrigens: Wer es ungefähr bis zur Hälfte schafft, bekommt einen Blick hinter die Kulissen der ‚Men’s Health Dad“ geboten.

Wer den ersten Teil der Reportage verpasst hat, kann hier noch einmal nachlesen, was ich wohlwollend darüber geschrieben habe:
Väter die neuen Helden, Part 1 „Vater werden“!

Wer sich sein ganz eigenes Bild von der Reportage machen möchte,
klickt einfach hier und schaut selbst.

5 Kommentare

    • Dankeschön! Bei mir ist jetzt genau umgekehrt. Den ersten Teil konnte ich mir noch mit Wohlwollen anschauen. Beim zweiten Teil war das nicht mehr ganz so einfach grrrr…

  1. Schöner Artikel, aber ich fand auch den ersten Teil nerviger. Besonders schlimm fand ich im zweiten Teil nur die Men’s Health Dad Redaktion. Das Klischee-Lästern über Geburtsvorbereitungskurse und das zwanghafte Abgrenzungsbedürfnis von den anderen (sprich: Müttern), die ja angeblich nur noch das Kind im Kopf haben – „Kind haben, Kerl bleiben“

    • Danke sehr. Dass es ein Abgrenzungsbedürfnis gibt, war auch an anderer Stelle deutlich sichtbar (siehe Vater-Tochter-Camp). Die zwei Absätze zu dem Thema habe ich aus dem Artikel wieder rausgenommen. Vielleicht kommen sie später nochmal als eigener Text.

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