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Rezension: Malte Welding, Seid fruchtbar und beschwert euch

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In seinem Buch mit dem etwas sperrigen Titel „Seid fruchtbar und beschwert euch. Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem.“ legt Autor und Neuvater Malte Welding auf ca. 200 Seiten ein erstaunliches Geständnis ab: Er mag Kinder. Mindestens fünf davon will er und das trotz aktueller deutscher Familienpolitik. Und er findet, andere sollten dies auch wollen.

Welding konstatiert, Medien und Gesellschaft diskutierten ausführlicher über die mögliche Einführung einer PKW-Maut als über eine gerechtere Familienpolitik. Familien werden medial wie gesellschaftlich sich selbst überlassen. Teils mit schlimmen Folgen. Man addiere bloß noch eine Prise Selbstverwirklichungs- und Optimierungswahn, garniere sie mit etwas sozialem Familien-Stigma und fertig ist der Karrierekiller-Cocktail namens Kind.

Je später, desto besser, so scheint’s. Statistisch verschiebt sich der Moment des Kinderkrieges jedes Jahr um zwei Monate nach hinten. Bis er vielleicht irgendwann auf den St. Nimmerleinstag fällt und die Geburt eines zweiten Kindes unmöglich macht. Oder die eines ersten. Besagtes Phänomen des Aufschiebens des Kinderwunsches konnte der Autor selbst am eigenen Leib erfahren. Und dass, obwohl er sich eigentlich Kinder wünschte. Und beinahe, so sagt er, wäre es dafür zu spät gewesen. Woran liegt das aber?

Einen Schuldigen hat Welding schnell ausgemacht. Es ist eine Familienpolitik, die Mütter an den Herd und Väter an den Bürostuhl fesselt. Eine Familienpolitik, die Frauen und Männern weder ein Konzept zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, noch flexible Betreuungskonzepte anzubieten vermag. Von Problemen wie Kinderarmut ganz zu schweigen. Kurzum, diese Politik nennt Welding klipp und knapp: „Kein-Kind-Politik“.

Ein streitbarer wie provokanter Begriff, der im Kern jedoch die richtigen Fragen aufwirft. Wie sonst erklärt man sich beispielsweise die unendlichen Debatten zum Thema Vereinbarkeit, denen sich Eltern hinzugeben scheinen? Oder das selbst ein Land wie China mit Ein-Kind-Politik, ja sogar Nordkorea derzeit statistisch höhere Geburtsraten aufweisen als Deutschland?

Weit weniger griffig als der Begriff „Kein-Kind-Politik“, dafür aber nicht weniger passend ist dieses Zitat aus dem Buch. Mein persönlicher Highlight-Satz:

„Deutsche hassen Kinder nicht. Sie sind ihnen bloß fremd geworden.“

Nagel. Kopf. BÄM! Eltern umgeben sich mit Eltern. Nichteltern mit Nichteltern. Häufig jedenfalls, so führt Welding aus. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Als Nichteltern werden einem Kinder immer fremder, weil man irgendwie die gemeinsame Grundlage mit den Elternfreunden zu verlieren scheint. Eltern oder Alleinerziehende bleiben unter sich.

Bevor ich selbst eine Tochter hatte, waren Kinder auch mir beinah gänzlich fremd. Wie betrunkene Außerirdische oder außerirdische Betrunkene. Man kann Crystal Meth nicht buchstabieren, ohne ET zu schreiben. ET auf Meth? Zwar verstehe ich Babys und Kinder heute nicht unbedingt besser, aber sie sind mir weit weniger fremd als zuvor. Ich werde nicht mehr panisch, wenn sie mir auf den Arm gelegt werden. Heute weiß ich, ein Kind verlangt nicht von mir, perfekt zu sein oder alles richtig zu machen. Ich bemühe mich natürlich. Dass aber denken viele und fühlen sich noch nicht reif genug für ein Kind. Je später also, desto besser. Bis er kommt, der St. Nimmerleinstag.

Als Vater lese ich dieses Buch und nicke mal sehr amüsiert, mal zustimmend und mal staune ich mit großen Augen ob der Erlebnissen und Gedanken, die der Autor hier zu Papier gebracht hat. Alles in allem ist das Buch tatsächlich ein mit Fakten und Anekdoten gespicktes Plädoyer für etwas, was manchen vielleicht zu bieder und nur wenig glamourös zu sein scheint: die Familie. Äußerst gelungen. Und ich sage das, obwohl ich überhaupt keinen missionarischen Eifer verspüre, andere zum Kinderkriegen zu konvertieren und auch sonst gern über Dinge spreche, die nicht zwangsläufig mit meiner Tochter zu tun haben.

Und wem der Titel etwas sperrig erscheinen mäge oder wer wie ich als frischer Vater immer „Seid furchtbar und beschweret euch“ liest, der solle sich davon nicht abschrecken lassen. Das Buch lohnt sich und stellt für Väter, Mütter und Nichteltern gleichermaßen einen wirklich schönen und lesenswerten Beitrag zur Kinder- und Familiendebatte dar. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur diejenigen dieses Buch lesen, die es als Eltern sowieso bereits betrifft.

Das Buch ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Eine Leseprobe sowie Bestellmöglichkeit gibt es auf der Verlagsseite:

http://www.kiwi-verlag.de/buch/seid-fruchtbar-und-beschwert-euch/978-3-462-04708-0/

oder unter:

Seid fruchtbar und beschwert euch!: Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem (amazon-Partnerlink)

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