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Regretting fatherhood, oder: Die gerechte Strafe für den Heldenvater

Regretting fatherhood

In der ‚Hannoversche Allgemeine Zeitung‘ erschien kürzlich ein Artikel mit dem Titel „Machen Kinder glücklich?“ Das ist insofern interessant, denn in diesem Artikel sollte es auch um das Thema „regretting fatherhood“ gehen. Ja, irgendwann musste es ja passieren. Wenn es Mütter gäbe, die ihre Elternschaft bereuten, dann musste es auf väterlicher Seite doch Ähnliches geben. Leider werden hier ‚regretting fatherhood‘, ‚väterliche Überforderung‘ und ‚Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘ nicht sauber voneinander getrennt. Den Knackpunkt dieser Diskussion liegt meines Erachtens aber ohnehin ganz woanders.

Jetzt also „regretting fatherhood“

Seitdem die israelische Forscherin Orna Donath sowie 23 ihrer Studienteilnehmerinnen es wagten, das als allgemein gültig angenommene Mutterglück in Frage zu stellen, sind glücklicherweise einige ruhigere Nächte schon ins Land gezogen. Als Vater stand ich in dieser so genannten „regretting motherhood“-Diskussion ohnehin nur auf dem billigen Zuschauerrang. Was hätte ich auch Sinnvolles beitragen sollen?

Jetzt aber scheint mit „regretting fatherhood“ doch tatsächlich auch die Demontage des väterlichen Glücks begonnen zu haben. Und so viel Bauchschmerzen dieses Thema vor allem bei Müttern verursachen mag, es ist durchaus eine genauere Betrachtung wert. Auch, wenn die Vater dabei nicht ganz so gut wegkommen sollten.

Regretting motherhood vs. regretting fatherhood

„Aber wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte ich höchstens ein Kind. Oder gar keins.“

So bringt es ein Vater, der lieber anonym bleiben möchte, auf den Punkt. Mit dieser Aussage enden sie allerdings auch schon wieder, die augenscheinlichen Gemeinsamkeiten zwischen Müttern und Vätern, die es bereuen, Eltern geworden zu sein.

Während Mütter angeblich eher an sich selbst zweifeln, an ihrer Eignung als Mutter, an der Bindung zu ihrem Kind, liegt die Reue bei den Väter woanders. Mütter fühlen sich im Kampf um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verheizt und unter Druck gesetzt. Sie idealisieren ihr altes, ungebundenes Leben und wünschen sich genau dorthin wieder zurück. Trotzdem liebten alle Mütter ihre Kinder sehr.

Väter zweifeln an Familie, nicht an sich selbst

Bei den, im Artikel zitierten Aussagen von Vätern geht es hingegen gar nicht um Selbstzweifel. Diese Väter sind auch nicht überfordert, so scheint’s. Und die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Frage des Sich-Aufreibens? Nein, auch sie scheint keine Rolle zu spielen.

Es geht scheinbar einfach darum, wieder einmal ordentlich auszugehen, eine schickes Apartment bewohnen zu können oder darum, endlich mal wieder ohne Stau zur Arbeit zu fahren. Sie wünschen sich die Bequemlichkeiten eines Lebens ohne Verantwortung. Ganz so, als wäre man als Vater plötzlich und ungewollt erwachsen geworden.

Dass sie als Vater hingegen überhaupt keine Selbstzweifel zu haben scheinen, deckt sich mit den Erkenntnis der aktuellen Väterstudie, in der über 80% der Männer angaben, mit sich selbst als Vater zufrieden zu sein. Zufriedenheit sagt allerdings auch nichts über Reue aus. Auch das Thema Vereinbarkeit sehen viele Väter entspannt, denn mindestens die Hälfte von ihnen hat sogar noch ausreichend Zeit für Hobbies und Freizeitaktivitäten.

Das ist doch erstaunlich. Es gibt also Männer, die mit sich als Vater völlig im Reinen sind. Die sich als Vater sogar selbst toll finden. Gleichzeitig sind sie mit ihrer Familie und ihrer Situation unzufrieden. Anstatt dieser Unzufriedenheit zu begegnen oder bei sich selbst nach Antworten zu suchen, steigert man sich lieber eine vergangene Fantasiewelt, in der alles besser war und ist.

Man muss ich aber fragen: kann jemand, der nicht zu 100% in der Gegenwart weilt, überhaupt guter Vater sein? Das ist natürlich schwer zu beurteilen. Auch hier scheint sich die Väterstudie zu bewahrheiten: die meisten Männer lügen sich selbst in die eigene Tasche.

Vereinbarkeitslüge statt Überforderung

Genau an diesem Punkt sollte man im Verlauf der Diskussion noch einmal einhaken. Statt dessen aber schlägt der Autor des Artikel die entgegen gesetzte Richtung ein und wählt den Begriff der „Überforderung“. Besser noch: von einer „überforderten Generation“ von Vätern wie Müttern ist da die Rede.

Das ist ein Zitat des bekannten Soziologe Hans Bertram. Ein Mann übrigens, der mir in anderen Zusammenhängen schon aufgefallen war, nämlich als er Frauen dazu riet, lieber erst Kinder zu bekommen, um danach erst ein Studium zu beginnen. Vätern hat er diesen Rat übrigens meines Wissens bisher nicht mit auf den Weg gegeben.

Als moderner Vater hingegen Karriere machen? Natürlich. Aktive Teilhabe am Leben des Kindes? Selbstverständlich. Zuhause den Haushalt machen? Alles wollen, um dann kläglich daran zu scheitern? Das, meine jungen Soziologie-Studenten, das ist nicht Überforderung, das ist die voll entwickelte Tragödie der Vereinbarkeitsfrage. Fragen Sie mal die Mutter von nebenan. Der Begriff der Überforderung bringt uns also nicht weiter. Zumal sich Väter laut Studie noch nicht einmal überfordert fühlen!

Fazit

Je mehr moderne Väter aktiv am Leben ihrer Kinder teilhaben haben möchten, desto mehr von ihnen werden genau die Erfahrung machen, die viele der Mütter schon hinter sich haben. Dass die Vereinbarkeit aller Lebensbereiche ein Drahtseilakt ist. Dass es den perfekten Elternteil, der immer alles richtig und magazintauglich hinbekommt nicht gibt. Dass Elternsein immer auch ein Kompromiss ist.

Natürlich darf ich meinem alten Leben romantisch hinterher blicken und sagen:“Hey Du, weißt Du noch? Damals..!“ Ich darf mit meinem derzeitigen Leben mindestens genauso frustriert sein. Sich aber dem Familienleben hingeben, obwohl man sich jeden Tag die Überstunden im Büro und die Cocktails mit den Kumpels herbeisehnt?

Oder anders formuliert: der Wunsch nach Erlebniskultur statt Vatersein? Freizeitpark statt Verantwortung? Einerseits will man also alles anders machen, als der eigene, emotionslose bzw. abwesende Vater. Andererseits sehnt man sich nach dem Leben in einer Werbebroschüre: immer verfügbar und immer cool. „Regretting fatherhood“ kommuniziert die Reue über das Elternwerden auf ganz anderen Ebenen, als reumütige Mütter dies zu tun scheinen. Kann das aber wirklich sein? Wäre das nicht erschreckend entlarvend? Mütter zweifeln an sich, Väter an ihrer Familie?

Liest man die Daten der aktuellen Väterstudie, dann kann es sich bei diesem Typ Vater, der sich an seine Kinder gekettet fühlt nur um eine Randerscheinung handeln. Dass es ihn gibt, davon ist aber auszugehen. Was ich davon halten soll, das weiß ich nicht. Spontan denke ich an die mediale Mär der neuen Superväter, wie sie ein bekanntes Montagsmagazin erst kürzlich ausgerufen hat. Und wenn selbst schon in öffentlich-rechtlichen Medien von Vätern als neue Helden fabuliert wird, dann scheinen mir die bereuenden Familienväter mindestens so etwas, wie ihr jammerlappender Gegenentwurf zu sein – um nicht zu sagen: ihre gerechte Strafe.

 


Link zum HAZ-Artikel „
Machen Kinder glücklich?

Lesenswert ist auch die Reaktion von mutterseelensonnig, die es mit einem Vater der „regretting fatherhood“-Spezies zu tun gehabt hat und daraus ihre eigenen Konsequenzen gezogen hat:

https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2016/01/17/regrettingfatherhood/

6 Kommentare

  1. Wow, gut hingeguckt und sauber auseinander genommen, den Unterschied der „bereuenden“ Väter und Mütter! Vielen Dank für diesen Text, und danke für die Verlinkung.

  2. Welcher Mann gibt schon gerne zu, dass ihm alles zu viel wird?

    Aber du hast Recht: die Differenzierung ist nicht sauber genug. Allerdings ist sie das in der Mütterdiskussion meiner Meinung nach auch nicht. -> Einer der Gründe, warum ich mich normalerweise aus diesen Themen raushalte.

    schöner Blog übrigens. ;)

    Frau Hamschta

    • Guten Tag Frau Hamtscha,
      vielen Dank erst einmal für die Blumen! Ich sehe das absolut genauso. Selbst, in einem sicheren und anonymen Umfeld scheint es vielen schwerzufallen, eigene Unsicherheiten zuzugeben. Das war mir bei der Väterstudie auch aufgefallen. Es bleibt alles sehr subjektiv, uff..
      LG, Johnny

  3. Pingback: #regrettingmotherhood versus #regrettingfatherhood « Die verlorenen Schuhe

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