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„Papa trau dich!“ – Das Kind als qualifizierendes Merkmal

Gestern lief um 22.45h auf dem ERSTEN die Reportage „Papa trau dich! Väter zwischen Kind und Karriere“. Väter in Elternzeit sollte also das zentrale Thema sein. Für mich als Vater wurde das Thema jedoch teils zu unkritisch, teils zu oberflächlich aufbereitet und hinterlässt alles in allem einen enttäuschenden Nachgeschmack.

Das Kind als qualifizierendes Merkmal des Arbeitnehmers

Bei manchen der in der Reportage gezeigten Väter bin ich doch sehr froh, dass es mir im Gegensatz zu ihnen möglich ist, einen anderen Weg gehen zu können. Selbstständig. Ohne Chef, ohne die Kandarre und vor allem ohne das almosige Wohlwollen eines Konzerns, der ganz offensichtlich nicht aus sozialen, sondern knallhart betriebswirtschaftlichen Gründen die Väterzeit (Elternzeit) zu akzeptieren gewillt ist. Das ist ehrlich, wie entlarvend, wenn auch legitim.

Das Kind verkommt zum zusatzqualifizierenden Merkmal des Arbeitnehmers und ist Punktelieferant für internationale Ratings. Mehr nicht. Die Verantwortlichen verpassen hier die fussballfeldgroße Chance, dies mindestens kritisch zu kommentieren, wenn sie’s schon nicht wagen zu hinterfragen. Man erlebt in den folgenden Minuten stattdessen einen Werbefilm für familienfreundliche Unternehmen in Deutschland, in denen wahlweise Vorzeige-Anzugmenschen oder alternative Väter zu Wort kommen. Die in der Reportage durchaus gezeigten Negativbeispiele für z.B. bei Elternzeit gefeuerte Väter werden ebenfalls nicht näher gehend kommentiert. Schade.

Statistik ist, was man draus macht

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) gehen mehr als drei Viertel der Väter in Elternzeit (Stand 05/2013). Gemäß Reportage sind’s ohne Quellenangabe jedoch nur ein Viertel der Väter. Wie kann das sein?

Legen wir die offizielle Statistik 2013 zu Grunde, so wurden in Deutschland 618.069 Kinder geboren. Zwischen Bundesamt und Reportage herrscht also eine Diskrepanz von bemerkenswerten 260.000 Vätern, die sich nur dann erklären lässt, wenn man für die Angaben unterschiedliche Kriterien zu Grunde legt. Mehr als drei Viertel der Väter gehen in Elternzeit. Ein Viertel der Väter beantragt Elterngeld. Die Reportage legt also ohne weitere Erläuterung mehr Wert auf das Merkmal Beantragtes Elterngeld. Warum? Diese Zahl ist ungleicher kleiner und passt gefälliger in den Reportagen-Narrativ des Elternzeitvaters als Zitat: „Pionier“. Diese Herangehensweise ist legitim, verzerrt aber die väterliche Realität zugunsten dessen, was die Reportage wünscht darzustellen.

Ein elternfreundlicher Sendeplatz

Richtigstellung durch Jochen König: „27% aller Väter gehen in Elternzeit. Nicht von allen Vätern, sondern nur von diesen 27% gehen wiederum 77% nur für zwei Monate in Elternzeit, also knapp 21% aller Väter und das sind dann nur noch knapp 140.000 Väter“.

Über 75% der Väter in Deutschland gehen für mindestens zwei Monate in Elternzeit. Das Thema scheint also für mehr als eine halbe Million 140.000 Väter relevant zu sein. Die ARD bewertet dies scheinbar anders. Warum sonst läuft „Die Story im Ersten“ nicht zur Primetime 20.15h? Oder um 18.00h? Oder 21.15h? Nein, statt dessen zeigt die ARD um 20.15h das gesellschaftliche Powerhouse Reinhold Messner, der rein vom Alter her wohl näher an der relevanten Zuschauerklientel der ARD zu sein scheint. Näher jedenfalls als moderne Väter es sind.

„Papa trau Dich“ wird also um 22.45h gesendet. Zur einer Zeit, in der die meisten Eltern entweder selbst schon schlafen oder aber noch verzweifelt damit beschäftigt sind, ihren Nachwuchs in den Schlaf zu tragen, zu singen, zu reden, zu schaukeln oder was man sonst so macht, wenn man zu verzweifelt ist. Glücklicherweise sind wir heute nicht mehr zwangsläufig auf feste Sendezeiten angewiesen, sondern können Sendungen aufnehmen oder sie aus der Mediathek streamen.

Alles in allem bin ich von der Reportage enttäuscht. Sie zentriert sich zu sehr um den Elternzeitvater als „Pionier“, geht unkritisch mit den Familienangeboten der gezeigten Unternehmen um und hat an manchen Stellen einen oberflächlichen Nachgeschmack. Wo liegt z.B. der Erkenntnisgewinn, wenn man männliche Auszubildende mit Haushaltsfragen konfrontiert, wenn offenkundig keiner von denen jemals alleine gewohnt hat? Es geht nicht um Erkenntnis, auch nicht um das Thema, es geht allein um den zurecht gelegten Narrativ.

So gesehen also vielleicht doch eine gute Entscheidung, die Reportage erst dann zu zeigen, wenn die meisten Eltern längst mit wichtigeren Dingen beschäftigt sind. Elternzeit ist nämlich kostbar.

10 Kommentare

    • Hehe.. man hätte den Narrativ ja nicht aufgeben müssen. Es wäre nur komplizierter geworden.. irgendwas ist ja immer. ;)

  1. Hallo Johnny,

    wie gut ,dass ich das vor dem Anschauen der Aufnahme gelesen habe – ich glaube ich nutze die Zeit dann besser für ein gutes Buch ;-)
    Die Sendezeit fand ich schon immer witzig. Wer kleine Kinder hat und als moderner Vater nachts aufsteht und die Fläschchen macht, kann zwischendurch ja reinschauen und alle anderen haben einen Recorder. So oder so ähnlich muss das sein. Und ich musste bei der Zielgruppe und Herrn M. schmunzeln

    • Hallo Sven,
      mit einem guten Buch in der Hand warst Du eindeutig der Gewinner des Abends.
      Vielleicht habe ich es etwas zugespitzt formuliert, aber alles in allem war es wirklich dünn, was die Reportage da zusammengeklempnert hat. Sehr schade. Freut mich aber, dass der Artikel Dir weitergeholfen hat. :)

  2. Ich hatte kurz reingeschaltet – und schnell wieder raus, weil ich auch dachte: „Was sind das denn für Klischee-„ich-mach-im-Haushalt-keinen-Finger-krumm“-Männer. Schön zu hören, dass Du die auch nicht für die einzig wahre Wirklichkeit hältst :-)

  3. 27% aller Väter gehen in Elternzeit. Nicht von allen Vätern, sondern nur von diesen 27% gehen wiederum 77% nur für zwei Monate in Elternzeit, also knapp 21% aller Väter und das sind dann nur noch knapp 140.000 Väter und keine halbe Million. Wenn man dann noch beachtet, dass in nur einem Drittel der Fälle Vater und Mutter die Elternzeit nacheinander nehmen und die anderen zwei Drittel der Väter ihre Elternzeit gemeinsam mit den Müttern nehmen, sieht das ganze schon irgendwie anders aus.
    Dann basteln sich plötzlich nicht mehr Fernsehmacher Zahlen zu ihrer Story, dann liest sich das ganze eher so, als basteln sich Väterblogger Zahlen für ihre eigene Relevanz.

    • Hallo Jochen,

      vielen Dank, dass Du die Zahlen noch einmal genauer unter die Lupe genommen hast.
      Deine Ergänzungen baue ich natürlich gern in den Artikel ein.

      Solange aus dem Fernseh-Beitrag aber eben genau solche statistischen Zusammenhänge nicht erkennbar werden, bleibt mein Kritikpunkt valide.
      Zumal die Liste mit Kritikpunkten länger ist, als der Text es vermuten lässt.
      Wir können den Fernseh-Beitrag gern noch einmal zusammen schauen und darüber diskutieren. Ich habe ihn hier.

      Beste Grüße,
      Johnny

      P.S.
      Zwischen Deinen Zeilen klingt es, als wäre eine Zahl von 140.000 Vätern nur wenig relevant.
      Ich bin mir aber sicher, dass das so nicht gemeint gewesen sein kann.

      • Hallo Johnny,
        den Beitrag habe ich nicht gesehen und ich glaube dir gern, dass der nicht sonderlich differenziert ist. Und natürlich finde ich, dass es ein relevantes Thema ist, wie viele Väter in Elternzeit gehen und auch auf welche Hindernisse sie bei Arbeitgeber_innen stoßen.
        Ebenso wie es das hier kritisierte Narrativ des Pionier-Vaters gibt, gibt es aber auch das Narrativ der angeblich vielen hunderttausendmillionen „modernen“ Väter, die vermeintlich dafür sorgen, dass die Aufteilung der Arbeiten innerhalb der Familien heutzutage völlig gleichberechtigt funktioniert. Und dieses Narrativ findet sich vor allem in vielen Väterblogs. Darauf bezog sich die von dir zwischen den Zeilen gelesene Kritik.
        Viele Grüße
        Jochen

  4. Es muy frecuente que este mal aparezca por derivación de problemas psicológicos, como los mencionados de vivir en una sociedad exigente como la nuestra, en la que la virilidad se encuentra socialmente relacionada con el éxito profesional y social, y en la que se exige más de lo que se debe en el plano sexual, condicionado por lo que creemos que es lo correcto, etc.

  5. Por ejemplo, un hombre con baja autoestima puede creer que no es capaz de satisfacer a una mujer y, como resultado, se vuelve incapaz de actuar en el dormitorio. Si no puede iniciarse la erección, se puede aplicar en el pene un dispositivo de vacío manual para la erección.

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