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Jesper Juuls „Leitwölfe sein“ – Ein Lesebericht

Jesper Juul Leitwölfe sein

Dass es in Brandenburg wieder Wölfe gibt, ist hinlänglich bekannt. Geht es nach dem dänischen Familienexperten Jesper Juul, dann sollten sie bald auch in unseren Stadt- und Familienzentren Einzug halten. „Leitwölfe sein“ lautet der Titel seines aktuellen Buchs. Im Rahmen der mytoys-Blogparade „Leitwolf oder Kuschelkurs – Was brauchen Kinder?“ habe ich reingelesen und frage: Sollte man diesen Ratgeber wirklich gelesen haben? Ein Lesebericht.

Mein Verhältnis zu Ratgebern ist eindeutig: ich meide sie. In diesem Monat hat der dänische Familienexperte Jesper Juul im Beltz-Verlag einen Ratgeber mit dem Titel „Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie“ veröffentlicht und ich muss gestehen:

Ich mag Wölfe. Auch, wenn sie in den klassischen Märchen auf ihre Rolle als Oma-und-Geißlein-Fresser reduziert werden, sind sie mir doch sympathisch. Eine Stadt wie Berlin, in der man sich über zahme Wildschweine nicht mehr wundern mag, könnte durchaus noch einige Wölfe mehr vertragen.

Prolog: Die Rudelfamilie

In Jesper Juuls neuem Buch geht es aber leider nur bedingt um das Fressverhalten von Wildtieren, sondern viel mehr darum, wie man im Elternalltag mit seinem menschlichen Nachwuchs am besten verfahren könnte. „Leitwolf sein“, fasst er seine Idee von moderner Elternschaft kurz und knackig zusammen.

Doch schon gleich bei diesem Leitbild zögere ich, denn: Ein Wolfsrudel ist keine Menschenfamilie

Ein Wolfsrudel ist eine Familie. Eine Familie ist aber kein Rudel. In einem Rudel unterstützen die Jungtiere die Eltern bei der Aufzucht der neuen Jungen. Für eine menschliche Familie ist dies nur teils nachzuvollziehen. Auch werden die Kinder bei Geschlechtsreife nicht aus dem Haus geworfen, wie es in einem Rudel meist der Fall ist.

Darüber hinaus bleibt ein Wolfspaar unter natürlichen Umständen ein Leben lang zusammen. Das mag im Menschlichen zwar eine schöne Vorstellung sein, ist aber in der allgemeinen Praxis nicht unbedingt wiederzufinden. Ganz abgesehen von gleichgeschlechtlichen oder anders organisierten Familienkonstellationen.

Das Bild des Leitwolfs führt mich, den alten Fuchs, eindeutig in die Irre. Vielleicht bin ich in der Hinsicht auch nur ein wenig kleinlich. Ob Jesper Juul das geflügelte Wort „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ wohl kennt, frage ich mich spontan.

Lesebericht, Teil 1: Die Würde

Juul erläutert eingangs seine eigene Sicht auf die erzieherischen Dinge. Hier stolpere ich abermals. Er nennt es das Prinzip „Gleichwürdigkeit“: Allen Familienmitgliedern solle die gleiche Würde zuteilen werden. Die gleiche Würde? Wahrscheinlich meint er aber gar nicht die „Würde“, sondern viel mehr eine Mischung aus Respekt, Ebenbürtigkeit und Offenheit gegenüber allen Familienmitgliedern. Würde, jeder Soziologie-Anfänger weiß das, ist ein völlig anderes Konstrukt. Vielleicht ein Übersetzungsfehler, der sich durch Juuls Bücher zieht?

Juul, so lerne ich, steht also für einen autoritativen Erziehungsstil – der sogenannten k.u.k.-Monarchie der Erziehung, wenn man so will, nämlich „klar und konsistent“. Darüber hinaus solle sie empathisch, proaktiv, dialog- und bedürfnisorientiert sein, ohne jedoch die eigene Führungsrolle als Erwachsener an das Kind abzugeben.

Kurzum: Sein Konzept von Erziehung ist ein Drahtseilakt. Bei so viel Schlagwörtern muss man als Elternteil also zwangsläufig aus dem Gleichgewicht geraten. Gut, dass mit Jesper Juul auch gleich jemand da ist, der immer den passenden (anderen) Rat zur Hand hat.

Lesebericht, Teil 2: Persönlichkeit

Ich lasse den ersten Part der Einführung hinter mir. Als Elternteil solle man laut Juul nun eine Art von persönlicher Autorität entwickeln. Selbstwert, Selbstachtung, Selbstvertrauen, Selbsterkenntnis sind ihre vier Säulenheiligen. Oder anders formuliert: Man solle schlicht wissen, wer man ist.

Wer aber weiß schon wirklich, wer er wirklich ist? Und das über einen Zeitraum von, sagen wir mal, achtzehn Jahren hinweg? Wenn eine Dreijährige auf mich zu kommt und sagt:“I’m that kind of person that loves to draw!“, dann weiß ich, dass das Wissen um die eigene Persönlichkeit ein gefährlicher Zustand sein kann.

Nein, der Autor vertritt hinter dieser Worthülsensammlung nichts anderes als die Autorität durch Persönlichkeit. Die ist ein alter Hut. Im politischen Kontext würde man vielleicht sagen: Eltern erziehen qua charismatischer Führung. Das wäre aber mindestens ebenso wortgewaltig wie nichtssagend wie die Idee einer „Autorität durch Persönlichkeit“.

Lesebericht, Teil 3: Die Väter

Ich überfliege leicht entnervt einige Kapitel. Wissentlich, dass ich mich so der Chance beraube, einiges vielleicht besser verstehen zu können. Das Buch liest sich ohnehin ganz so, als sei es in freier Rede entstanden und dann rundheraus abgetippt und veröffentlicht worden. Vieles kehrt wieder.

Nun gut. Ich nehme die Elterngläser für einen Moment ab und setze die Papabrille auf. Für Jesper Juul macht es aber eingangs des Kapitels „Weibliche und männliche Führung“ gar keinen Unterschied, ob man Mama- oder Papabrille auf der Nase trägt. Ganz im Gegenteil. Viel mehr als, dass Kinder beide, nämlich Mutter und Vater gleichermaßen brauchen, sagt er denn aber auch nicht.

Das kann ich allerdings nachvollziehen, denn schließlich hat Jesper Juul bereits Ratgeber für Väter geschrieben. Hier in seinem neuen Buch soll es um den Leitwolf gehen – und der ist nun einmal geschlechtsunspezifisch.

Und ehe man sich versieht, folgt ein Abschnitt, der empfiehlt, dem nicht schlafen wollenden Kind gegenüber elterliche Ich-Botschaften zu senden. Autoritär und autoritativ liegen oftmals eben gefährlich nah beieinander, denke ich noch. Übrigens: Ein Schelm, der böses dabei denkt, dass dem Kapitel „Männer und Väter“-Kapitel eine Fragerunde zum Thema elterlicher Trennung folgt.

Fazit

Oftmals habe ich mit dem Schreibstil des zirka 200 Seiten umfassenden Textkörpers gehadert. Manche Stellen wirken derart holprig (übersetzt?), dass man die Worte fest an sich drücken möchte, damit sie nicht vom Satzbau überrollt werden. Leider verhalten sich auch die einzelnen Worte dieses Buchs nur allzu flüchtig, denn oft enthalten sie außer Wohlklang eben nur ein wohliges Maß an heißer Pädagogenluft. Zitat:

„Die Möglichkeit, unser Leben in vollem Umfang zu leben, unsere Potenziale bestmöglich zu entfalten, sowohl auf intellektueller Ebene als auf auch emotionaler und psychischer Ebene. All das unterstützt unseren Selbstwert.“ (siehe S. 134)

Das klingt gut, das klingt richtig. Es klingt aber auch privilegiert, abgehoben und ein Stück weit nach selsbtgerechtem Wohlfühl-Lifestyle.

Schade, denn eigentlich stimme ich in Grundzügen mit der Idee, dass Kinder empathische, proaktive Anleitung brauchen, sehr überein. Vielleicht habe ich auch einfach zu viel von Jesper Juul erwartet, nachdem ich seinen Namen so oft schon auf anderen Seiten positiv erwähnt gesehen habe. Alles in allem aber bin ich von so viel heißer Luft enttäuscht.

Die mytoys-Blogparade

„Leitwolf oder Kuschelkurs?“ fragt sich übrigens die mytoys-Redaktion, als sie eine Blogparade zu Jesper Juuls neuem Buch ins Leben hievte. Die Antwort hierauf fällt kurz wie simpel aus: Der Mensch ist kein Wolf und sollte es auch nicht werden wollen. Und wer mit seinem Kind kuscheln will, sollte das um Himmels Willen tun. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, sollte es auch kein Buch von Jesper Juul brauchen.


Die Blogparade zu Jesper Juuls Buch „Leitwölfe sein“ findet ihr im Blog der mytoys-Redaktion.
Wer das Buch selbst gern mal lesen möchte, kann es ab sofort in der lokalen Buchhandlung, beim Beltz-Verlag oder am großen Fluss* (amazon-Partnerlink) erstehen.

7 Kommentare

  1. Ich werde jetzt das Buch auch mal lesen – dank dir. :) Denn so viel heiße Luft kann der doch gar nicht produzieren, wenn den Mann alle so hoch leben lassen. Ich habe leider bis heute nicht ein Buch von Juul gelesen. :)

    • Hi Chris,
      ach, das freut mich! :) Leider ist das in meinem Artikel auch etwas zu kurz gekommen, aber: ich lehne seine Ansätze gar nicht ab, sondern ganz im Gegenteil. Ich denke, in vielem hat er recht. Als alter Hobby-Veterinär hat er mich bloß leider schon mit der Grundidee komplett verloren. Ein Rudel ist keine Familie. Auch die Präsentation seiner Ideen und Grundsätze ist teils doch sehr beliebig und franst stark aus. Bin mal gespannt, wie Du das so siehst. :)
      LG, johnny

    • Anonymous sagt

      Das Buch ist hier ja nicht so gut weggekommen. Ich habe es noch nicht gelesen, aber einige andere Bücher von Jesper Juul. Wenn ich noch keines gelesen hätte, würde ich mit dem Klassiker „Dein kompetentes Kind“ anfangen. Ich glaube damit kann man die Ansätze und Wortwahl von Jeser Juul besser verstehen. Ich mag seine wertschätzende Art sehr und finde den Begriff „Gleichwürdigkeit“ ziemlich gut gewählt, da es eben nicht um komplette Gleichberechtigung oder Gleichbehandlung geht, da Gleichberechtigung und Gleichbehandlung schon wegen der individuellen und Altersunterschiede nicht funktionieren würden. Gleiche Würde verstehe ich schon eher. Ich verstehe nicht, was an dem Begriff falsch sein soll, bin aber auch keine Soziologin. ;-) Für mich steht dahinter, dass ich alle Menschen als gleichwertig betrachte.

      • Hallo und vielen Dank für Deine Antwort.
        Das ist natürlich die Gefahr, wenn man quereinsteigt, so wie ich das bei JJ nun gemacht habe. Ich denke noch darüber nach, eventuell wirklich noch ein zweites Buch von ihm zu lesen. Mal schauen.
        LG, Johnny

  2. Pingback: Bin ich ein Leitwolf oder eher auf Kuschelkurs aus? ~ Glucke und So

  3. Hallo Johnny,

    jetzt sehe ich erst, dass mein Kommentar hier anonym gelandet ist und ich noch nicht mal einen lieben Gruß da gelassen habe. War gar nicht meine Absicht. Denn ich schreibe auf mitvielgefuehl auch ganz gern über Jesper Juul und zitiere ihn gern in meiner Arbeit. Darum war es aber auch ganz spannend für mich, mal eine etwas kontroverse Meinung dazu zu lesen.

    Liebe Grüße
    Sabrina

  4. Pingback: Snippet: Jesper Juul über die Verantwortung von Mutter und Vater - New Kid And The Blog

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