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Johannes Ehrmann und der große Wedding-Roman

Johannes Ehrmann

Bis vor kurzem noch im renommierten „Wedding-Blog“ des tagesspiegels aktiv, präsentierte Johannes Ehrmann im Eichborn Verlag Anfang März mit „Großer Bruder Zorn“ seinen großen Abschluss des Weddinger Abenteuers – so scheint es jedenfalls. Oder ist es bloß ein Berliner Roman, der rein zufällig im Wedding spielt? Ich habe den Roman gelesen und war trotz Skepsis positiv überrascht.

Eines gleich vorweg: Wenn man es ganz genau nimmt, dann gehört der Hauptschauplatz Bellermannstraße seit der Bezirksreform 2001 nicht zum Ortsteil Wedding, sondern zum Ortsteil Gesundbrunnen. Ich weiß das, der Spätimann weiß das, jeder im Wedding weiß das. In dem Roman geht es also streng genommen um den Altbezirk Wedding und zwar so wie er zwischen 1920 und 2000 bestanden hat. Für die Nicht-Berliner heißt das.. nüscht! Det isso’n Berliner-Ding..

So, und nachdem wir das also geklärt haben, widmen wir uns dem wirklich Wichtigem, nämlich dem Roman zu:

Der Wedding ist Ehrmanns Projektionsfläche. Tauschte man Schauplätze und Straßennamen, es könnte auch genauso gut Neukölln oder Lichtenberg sein. Vielleicht ist das auch schon die wichtigste, wenn auch wohl nicht ganz beabsichtigte Erkenntnis dieses Romans: Heinrich Zilles Hinterhof-‚Milljöh‘ mag mit ihm untergegangen sein, Jonny Liesegangs verschriftlichte Berliner Mundart mag vergessen sein, doch die Menschen am Rande der Gesellschaft, sie sind noch immer dort, wo sie vor mehr als 100 Jahren schon waren: am Rand. In der Hauptstadt ändert sich trotz viel beschworenem „Berliner Tamtam! eben doch nichts.  Fragen sie mal den Hausmeister des BER-Flughafens.

Johannes Ehrmann selbst schreibt auch ein bißchen ‚Tamtam‘ oder besser: „BämBämZack“! Seine Sätze sind kurzatmig, schnell und manchmal gefährlich nah an der Grenze zum Asthma-Anfall. Genau dadurch aber fühlen sie sich authentisch an. Wirkt es an manchen Stellen aufgesetzt oder einfach viel zu real, man möchte es dennoch glauben. Das ist die eindeutige Stärke seines Romans.

Sicher. Das Boxermilieu ist schon sehr klischeehaft. Schon mein Großvater war diesem Milieu verfallen – und das war vor mehr als einem halben Jahrhundert. Davon geblieben ist die Leidenschaft für Boxkämpfe im Fernsehen. Auch Serdar, der Mann vom Späti wirkt an manchen Stellen ein klein wenig mit „Authentizität“ überfrachtet.

Fazit zu Johannes Ehrmann „Großer Bruder Zorn“

Ein Buch, sperrig wie der Wedding selbst und genau deswegen eigentlich ganz gut zu ihm passen will. Und so, wie man den Wedding nicht in einem Tag, in einer Woche oder in einem Jahr zu erfassen mag, so lässt sich auch Ehrmanns Debütroman nicht in einem Rutsch durchlesen. Man braucht kleine Pausen zwischen den Runden, um wieder zu Luft zu kommen – bevor es dann wieder auf die Mütze gibt.

86 episodische Kurzgeschichten, die dramatisch aufeinanderzulaufen und sich insgesamt über ca. 400 Seiten erstrecken. „Großer Bruder Zorn“ ist keine Milieu-Studie und auch kein Bericht aus Berlin. Einiges, so ist anzunehmen, wurde vom Autor durchaus hinzugedichtet.  Es ist ein Roman, eine fiktive Geschichte – based on a true story – wie so viele gute Romane eben.

Wer schon eine Weile im Wedding wohnt, wird es gelassen nehmen und wissen: „Allet halb so wild!“ Wer sich hier jedoch erst noch einfinden muss oder gar aus der Ferne mal in den Wedding reinschnuppern möchte, für den ist das Buch aber insgesamt definitiv zu empfehlen. Ein gelungenes Werk, das ich wirklich gern gelesen habe – trotz oder gerade weil es so sperrig ist.

Synopsis

Zitat:“Box-Promoter Aris braucht den Befreiungsschlag gegen die drohende Insolvenz und organisiert einen letzten großen Kampfabend. Jessi vom Netto will ein besseres Leben für ihre kleine Tochter und muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Und Serdar aus dem Späti denkt an nichts anderes als an einen Knockout am Freitag.

Eine Woche im Weddinger Kiez, jeder hat seine eigenen Pläne und eine andere Herkunft, aber alle haben dieselbe Heimat. Die Wege der Protagonisten irrlichtern jeden Tag schneller umeinander, bis sie bei der großen Fight Night schließlich aufeinanderprallen.“

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