Papa-Blog
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Gewaltfrei, aber was kommt dann?

gewaltfrei erziehen

Egal, ob ich Löwenmama bin, Helikoptervater oder Verfechter der CTFD-Methode. Eines haben alle Erziehungsmethoden gemeinsam: sie verzichten weitestgehend auf die Anwendung physischer Gewalt. Wer sein Kind hingegen gewaltfrei erzieht, meint damit nicht bloß die physische Züchtigung, sondern auch den Verzicht auf jedwede Form von verbaler Gewalt. Ich persönlich kenne nur ein einziges gewaltfrei erzogenes Kind – und das ist permanent gewalttätig. Eine ratlose Kolumne.

Kinder in Deutschland haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Wenn mich persönlich jemand zum Thema Prügelstrafe befragt, dann werde ich ganz deutlich sagen, dass ich nicht vorhabe, meine Tochter jemals zu schlagen. Die Idee, dass elterlich zugefügte Schmerzen das Kind in einer positiven Weise beeinflussen sollen, hat sich mir bis zum heutigen Tag einfach nicht erschliessen wollen.

Durch den wiederkehrenden Kontakt mit anderen Eltern, lernt man ganz nebenbei neue Herangehensweisen an die Elternschaft kennen. Das ist manchmal erfrischend, manchmal interessant und manchmal, naja manchmal ist es auch ein klein wenig herausfordernd – und lässt mich dann fragend zurück.

Eine, jener neuen Familienkontakte erzieht ihre drei Kinder gewaltfrei. Dies bezeichnet nicht bloß die Abwesenheit jedweder körperlicher Gewalt in der Erziehung, sondern auch die Vermeidung negativer Formulierungen sowie die Abwesenheit irgendeiner gearteten Form von emotionaler Erpressung. Und fast möchte ich es hinausposaunen und sagen: ja, natürlich. Wie sonst sollte ich denn mein Kind erziehen wollen, wenn nicht sicher, geborgen und vor allem positiv? Das ist doch selbstverständlich.

Kinder brauchen Grenzen, um die Welt um sie herum nach und nach besser verstehen zu lernen. Diese Grenzen sollen in der gewaltfreien Erziehung, sofern denn möglich, positiv umformuliert werden. Zumindest soweit ich das richtig verstanden habe. Das bedeutet: „Ich möchte nicht, dass Du alleine vom Stuhl kletterst!“ = negativ vs. „Ich möchte, dass Du erst vom Stuhl kletterst, wenn der Papa da ist!“ = positiv. Und im ersten Moment leuchtet mir das sogar ein. Ich selbst habe oft das Gefühl, dass etwas mehr positives Formulieren meiner Tochter und mir auch ganz gut täte.

Seit neuestem kenne ich also eine Familie, die ihr ältestes Kind zwar nicht in meinem Waldorf-Kindergarten betreuen lässt, trotzdem aber Zuhause gewaltfrei erzieht. Das Auffällige daran:

Es ist gleichzeitig auch das aggressivste und gewalttätigste Kind, das ich bisher kennenlernen durfte. Und zwar mit großem, großem Abstand. Der Teufel auf meiner Schulter schaltet sofort die Leitung frei und fragt: ob das wohl Zufall ist? Der Engel aber weiß: Gewalt kann bei Kindern sehr vielfältige Ursachen haben. Sei achtsam.

Ich frage mich aber jetzt: wie ist das für ein Kind, wenn die Kinder um es herum Grenzen ganz anders vermittelt bekommen – in der Kita zum Beispiel? Wie ist es für so ein gewaltfrei erzogenes Kind, wenn es in der Fremdbetreuung nach zwei Jahren zu Hause plötzlich nicht mehr verbal gewaltfrei behandelt wird, sondern Betreuer-Sätze hören muss wie:“Du darfst dem kleinen Kind das Spielzeug nicht aus der Hand reißen! Das ist nicht nett von Dir!“ Nicht harsch, sondern freundlich und ruhig kommuniziert, aber dennoch und definitiv nicht gewaltfrei. Sorgt das nicht erst recht für mehr Frust und somit für mehr Aggression?

Leider hat mir die Mutter des Kindes mit ihrem Verhalten mir und meinen Fragezeichen auch nicht weiterhelfen können. Gewaltfreie Erziehung ist mir vertraut. Ebenso die Umstände des Kindes, denn natürlich weiß ich mehr, als ich hier öffentlich machen kann.

Wie sie aber als Mutter ihrem Kind positiv vermittelt, dass es das Mädchen besser nicht hauen solle, das lässt mich unsicher werden. Auch, weil dann so getan wird, als sei das Mädchen schuld an dem Konflikt, wobei es das Mädchen war, dass versucht hat, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Zitat: „Ich möchte nicht, dass Du mit mir spielst. Ich spiele deswegen jetzt woanders!“ – Batsch!

Ist dieses Kind nun aggressiv, weil es den positiv formulierenden Erziehungsansatz seiner Eltern nicht versteht? Oder versteht das Kind seine Eltern nicht, weil es seit längerem schon in einer aggressiven Phase ist? Und was wäre die Konsequenz aus beidem? Ich drehe mich im Kreis. Auch will ich niemanden verurteilen, denn ich selbst weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind sich anders verhält, als man das eigentlich möchte.

Kindererziehung scheint ein Experiment ohne Garantien. Vielleicht überfrachtet man sich selbst bzw. das Kind manchmal allzu sehr. Je länger ich selbst in dieser Erziehungsthematik drin stecke, desto weniger verstehe ich davon – und desto öfter wundere ich mich.. und bleibe fragend zurück.

10 Kommentare

  1. Lieber Johnny,

    dein Blog erfreut mich sehr seit ich ihn entdeckt habe. Humorvoll, clever, reflektierend. Was für Herz, Hirn und Lachmuskeln. Jetzt kommt natürlich das Aber:
    Dieser Artikel hier – ich weiß nicht. Vielleicht nur ein kleines Gedankenspiel, eine Notiz von dir. Dich so wirkt er auf mich etwas dünn und oberflächlich. Vielleicht ist das der Sinn, das ich jetzt lauter Fragen im Kopf habe und selbst man recherchieren muss… Wie genau funktioniert denn gewaltfreie Erziehung? Ob das Verhalten diesen einen aggressiven Kindes wirklich damit zusammenhängt? Wie oft hast du das Kind denn getroffen? Hast du diese Erziehungsform sicher richtig verstanden? Ach, ich weiß nicht… Diese eine Betrachtung eines Exempels wirkt auf mich etwas dünn und hinterlässt mich so ratlos wie dich am Ende des Artikels.

    Naja, macht ja nix – ich les und empfehle dich immer noch weiter.
    Liebe Grüße,
    Julia aus Köpenick

    • Hallo Julia,

      einerseits freue ich mich natürlich sehr, dass Dir mein Blog gefällt. Andererseits hab ich Dich auch nicht enttäuschen wollen.

      Du hast aber recht. Wenn Du fragend zurückbleibst, dann geht’s Dir genauso wie mir. Und Fragen habe ich auch mehr als Antworten. Auch deswegen habe ich diese Kolumne geschrieben.

      Das Kind treffe ich regelmäßig. Zum Schutz kann ich leider nicht alle Details öffentlich machen. Auch kenne ich das Erziehungskonzept und sehe, wie es umgesetzt wird. Beides macht mich nicht unbedingt schlauer.

      Das Thema gewaltfrei wird sicherlich nochmal Thema im Blog sein – aus einer, sagen wir mal, persönlicherer, fokussierter Sicht. ;)

      Liebe Grüße,
      Johnny

      • Dann werd ich darüber auch mal was lesen – denn immerhin hat mich der Artikel neugierig gemacht.
        Und ansonsten: einfach weitermachen!

  2. May sagt

    Sehr spannender Artikel. Die richtige Erziehung ist wirklich unglaublich komplex

  3. Schöner Artikel. Antworten kann ich auch nicht liefern, aber zustimmen. Um so älter unser Sohn wird, umso ratloser fühle ich mich manchmal. Tröstlich wenn es anderen genauso geht. Ich baue darauf, dass du Bescheid gibst wenn das Puzzle gelöst ist.

  4. Kathy sagt

    Lieber Johnny

    Ich lese deine Artikel gern, mag deine Art und Weise und deinen Schreibstil.

    Ein Link der deine Fragen bezüglich Gewaltfreier Kommunikation mit Kindern beantworten könnte: http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2015/01/gewaltfreie-kommunikation-nach-mit-kindern-nach-marshall-b-rosenberg.html?m=1

    Vielleicht findest du beim durchstöbern dieser Seite noch eitere interessante Artikel für Dich ;)

    Was deine Erfahrung mit oben genannten Tehma angeht, kann man natürlich jetzt schlecht einschätzen in wie weit diese Familie es richtig umsetzt und wie sie in anderer Hinsicht mit ihren Kindern umgehen. Es kann aber auch andere Faktoren haben, das dieser Junge so aggressiv ist. Es steckt in jedem Fall etwas dahinter. Eine Rolle spielt zB das Alter, wann kam das letze Geschwisterchen, wie schaut es mit Aufmerksamkeit aus, bekommt er diese in der Form wie er sie braucht? Kinder fallen erst dann absichtlich negativ auf, wenn alles andere nicht funktioniert. So wären erst mal meine Gedanken dazu :)

    Liebe Grüße
    Kathy

    • Hi Kathy, vielen Dank für den Link! Schön, Dich hier mal zu lesen! :D Was die ganz reale Situation hier angeht: ich weiß mehr, als ich im Artikel darstelle und doch weiß ich eigentlich überhaupt nichts. Die Kolumne war ein Hüftenschnellschuss, um meiner Verwunderung auch mal etwas Luft zu geben. Denn bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass besagte Familie bewusst gewaltfrei erzieht. So. Ich gehe jetzt den Link lesen. Im Bällebad. Sie entschuldigen mich..
      J

  5. Kathy sagt

    Hallo Johnny :D

    Bishe hab ich still mitgelesen und weiß auch gerade garnicht mehr wie ich auf Dich „gestoßen“ bin :D
    Ja das mit der Verwunderung Luft machen kann ich verstehen. Manchmal (eigentlich aktuell mit 13 Monate alter Tochter eher häufig) steht man ja vor dem Kinde, wie der Ochs vorm Berg und weiß manchmal (s.o) einfach garnicht was genau gerade Falsch war, bzw wo der Hase jetzt im Pfeffer steckt. Ich wollte vorhin nur sagen, dass es so viele verschiedene Gründe haben kann warum er aggressiv ist, das es so viele Faktoren gibt und ich denke selbst als Eltern weiß man oft einfach nicht warum und wieso, man sucht ja idR den „Fehler“ erstmal bei sich und übersieht dabei oft das ein oder andere oder es ist eine Kombi aus vielen Faktoren. Manchmal – so habe ich bisher gelernt – muss einfach mal „rumprobieren“ ;) gut in meinem Fall liegt es oft noch an der Kommunikation, bzw das ich oftmals wohl auf dem Schlauch stehe :D aber das ist ein anderes Thema.
    Ein entspanntes „Bad“ ;)
    Ich habe geschlagene 3 Tage vor knapp einem Jahr damit verbracht diese Seite „durch zu lesen“ nachdem ich Deich Zufall darauf gestoßen bin ;) ich kann sie insgesamt nur wärmstens und vom Herzen empfehlen :D es steckt eine Menge Arbeit darin und zwei tolle Frauen dahinter, die ihr Wissen und ihre Erfahrugen auf unvergleichliche Weise mit der Welt teilen um nach und nach diese für Kinder „besser“ zu machen.

    Liebe Grüße
    Kathy

  6. Frieda sagt

    Interessanter Artikel. Ich hatte bisher noch nichts von dieser Art der „gewaltfreien“ Erziehung gehört und wundere mich auch ein bisschen, dass negativ formulierte Sätze schon ein Ausdruck von Gewalt sein sollen.
    Was mir spontan bei dem Beispiel mit dem Stuhl („nicht alleine runterklettern“ vs. „erst runterklettern, wenn der Papa da ist“) einfällt, ist: Wenn ich ausschließlich positiv formulierte Erziehungssätze dieser Art verwende, dann schreibe ich meinem Kind ja unglaublich viel vor. Ein negativ formulierter Satz lässt manchmal viel mehr Raum für eine eigene, kreative Lösungssuche des Kindes, das ist auch ein Wert, den ich nicht verachtenswert finde.
    Wenn ich den ganzen Tag so konkret „positiv“ vorgeschrieben bekäme, wie ich mich verhalten soll, würde ich vermutlich auch aggressiv werden.

    • Maria sagt

      Oh, den Gedanken finde ich extrem spannend, also dass das „Nein“ auf der anderen Seite ganz viel Platz für das Kind lässt. Vielen Dank dafür!

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