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Fünf Anzeichen für ein Gegenteil-Baby

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Seit 12 Monaten schon lebe ich mit einem Gegenteil-Baby gemeinsam unter einer Decke. Alles, was Babys landläufig mögen, meine Tochter hasst es und zwar zutiefst. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur eine Montagsproduktion?

Kauft man sich ein neues Auto, dass drei Monate später schon wieder in die Werkstatt muss, dann hat man es erwischt: das klassische Montagsauto. Nun ja. Der Kreißsaal ist kein Autohaus. Man kann sich sein Baby nicht aussuchen und man bekommt auch keinen wässrigen Kapselkaffee gereicht. Und Probefahrten mit den neuesten Babymodellen der aktuellen Saison,.. nun ja, die wurden wohl zwischenzeitlich aus dem Programm genommen.

In die Werkstatt kann man das neue Baby indes auch nicht bringen, um es, sagen wir mal, nach 10.000 Windelladungen generalzuüberholen. Man muss sein Baby lieben und zwar genauso wie es ist und das ist auch gut so.

Fünf Anzeichen für ein Gegenteil-Baby

Meine Tochter, der eigenwillige Shiba-Inu-Mix unter den Babys. Eine Montagsausgabe, die an einem Sonntag ausgeliefert wurde. Ja, die Kleene scheint ein Gegenteilbaby zu sein. Nickt man ihr zu, dann schüttelt sie mit dem Kopf. Folgende weitere Beweise möchte ich ins Feld führen.

1) Pucken ist Freiheitsberaubung

Eingepuckt, eng eingelegt und den Moro-Reflex in Schach haltend. So mögen selbst schwierige Babys friedlich in den Schlaf finden. Hat man uns gesagt. Wohl nur eine von vielen Legenden, die man sich auf den Strassen Berlins über den Babyschlaf erzählt.

Meiner Tochter jedenfalls ist Pucken nichts anderes als eine buntgescheckte Zwangsjacke, in die man sie gegen ihren Willen einzusperren versucht. Sie würde schreien und strampeln und vor allem mit den Armen wedeln. Und die Nacht wäre spontan um knappe vier Stunden kürzer, denn: Wer mit den Armen wedelt, der schläft nicht – alte Zweibeiner-Weisheit.

2) Schnuller sind Vortäuschung falscher Tatsachen

Nuckeln beruhigt das Baby. In Form eines Schnullers kann man sich diese Tatsache auch fernab mütterlicher Brüste zu Nutze machen. Nachts beispielsweise. Steckte man meiner Tochter einen Schnuller in den Mund, sie würde das Gesicht verzerren, das Folterinstrument ausspucken und für die nächsten 30 Minuten ein Plädoyer darüber halten, wie sie gegen ihren Willen gezwungen wurde, fremde Nippel in den Mund zu nehmen.

Es existiert ein Bild meiner Tochter, auf dem hat sie einen fremden Schnuller verkehrt herum im Mund. Ich denke, damit könnten wir die Beweisaufnahme beenden. Fall abgeschlossen.

3) Abendbad ist Schlafentzug

Das Plätschern und die Zuwendung der Eltern, gemixt mit der vollen Bandbreite legaler Badezusätzen und bunter Betäubungskräuter. Ja, all das mache Babys zufrieden und schläfrig und eigne sich insbesondere als abendliches Zubettgeh-Ritual.

Kennen Sie eigentlich dieses Katzenvideo, in dem eine Katze in die volle Badewanne fällt – und nicht wieder hinauskommt? Meine Tochter ist diese Katze. Das warme Nass. Es ist ihr nichts weiter als eine exorzistische Todesdrohung. Ergo: Kein Babyschwimmen, kein Baden. Und schon gar nicht vor dem Schlafengehen.

4) Autofahren ist kidnapping

Das sonore Rauschen, der eintönige Innenraum plus das kompakte Sitzen in der Babyschale. Selbst für schwierige Babys, die sich partout nicht schlafen legen wollen, Autofahren sei angeblich ihr Lindenblatt, ihr Kryptonit. Nur einige Runden um den Block und ein extra-Handgeld für den Tankwart und schon ist der Schlaf des Babys bester Freund.

Unsere Tochter hasst pucken und sie hasst es, angeschnallt zu sein. Allein der Gedanke an den Innenraum des Autos und die enge Babyschale versetzt sie in blanke Raserei. Einmal angeschnallt könnte selbst ein Schwert aus Drachenglas sie nicht stoppen. Nein, man muss das Baby nachts heimlich in unser Auto schmuggeln, möchte man mit Baby einmal in aller Ruhe um den Block fahren. Ob das eigentlich im Sinne des väterlichen Erfinders ist? Also nur selten Ausflüge zur auswärtigen Verwandtschaft. Ach, wie schade.

5) Und Brokkoli? Brokkoli ist ein Verbündeter!

Babys sind angeblich allem Grünen gegenüber skeptisch. Also sagen wir Blumen, Salaten oder Fröschen. Angeblich sei dies evolutionär bedingt. Doch nicht nur Babys, sondern auch Kleinkinder meiden ihr Gemüse wie der gefallene Engel das Weihwasser.

Meine letzte Erkenntnis aber ist die: unsere Tochter ist das Weihwasser. Ein Engel jedenfalls ist sie nicht. Sie scheint Brokkoli zu lieben. Und Gurke. Und ganz besonders Frösche. Vor allem aber Brokkoli. Oh dieser knospige Urgrund aller Gemüsekinderschrecken,.. ja, ihr ist er Freund geworden. Man sitzt daneben und staunt und knabbert mit.

Gibt es vielleicht noch andere Anzeichen? Was macht euer Nachwuchs einfach mal komplett anders als man es erwarten würde? Ist ja auch eigentlich alles relativ, klar. Her mit den Gegenteilen.

Update:
Es scheint, „Gegenteil“ zu sein ist völlig normal und „normal“ bloß eine hochglänzende Erfindung. Beruhigend eigentlich, oder?

20 Kommentare

  1. Haha, danke für die Diagnose, jetzt weiß ich endlich was meine Tochter hat! Ich selbst hab ja auch schon mit Steinzeitbaby geliebäugelt – vonwegen Kinderwagen ist scheiße, Fläschchen sind scheiße, Brei ist scheiße, Fremdbetreuung ist scheiße, manchmal ist auch Papa scheiße. Immer rauf auf den Arm, ewig stillen und ja, Broccoli hat sie auch gern gegessen. Mittlerweile isst sie jeden Tag etwas anderes (nicht)… darauf gibt’s ne Garantie :P

    Liebe Grüße, Frida

    • Steinzeitbaby, das wäre auch eine gute Diagnose, zumal sich ja rausgestellt hat, dass es recht viele Babys zu geben scheint, die einer, sagen wir mal, Montagsproduktion entstammen! ;D Wir sollten das im Auge behalten!

  2. Man, man, man… ich scheine wohl auch ein Gegenteilbaby bzw. -Kind zu haben. Zwar hat sie irgendwann den Schnuller akzeptiert, aber sonst war sie immer ähnlich.
    Leider verschwinden die „Macken“ auch nicht. Autofahren zum Beispiel ist immer noch doof.
    Jetzt kommt die Frage aller Fragen:
    Wenn es doch so viele Gegenteil-Babys gibt… Vielleicht sind sie ja ganz normal? ;-)

    LG
    Daniela

    • Hallo Daniela,
      wenn so viele Babys Gegenteil-Babys sind, dann stellt sich die Frage, wer den Mythos des „normalen“ Babys in die Welt gesetzt hat?! Das gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht! Oder etwa doch?

      • Diesen Mythos haben Eltern in die Welt gesetzt, die eins dieser seltenen immer gut funktionierenden Bilderbuchbabys haben. Ist ja klar, weil Eltern mit Steinzeit-/Montags-/Gegenteil-Babys keine Zeit dafür haben, so einen scheiß Mythos in die Welt zu setzen…
        Oder es ist wie der Durchschlaf-Mythos… Der scheint von Eltern zu stammen, die keine Lust mehr hatten gefragt zu werden, ob das Kind schon durchschläft und daher immer einfach mit „Ja!“ geantwortet haben.

  3. Schöner Text, ich habe sehr gelacht.
    Nach 3 Kindern und jahrelanger Erfahrung in der Elternberatung : sie sind normal, die Steinzeit- und Gegenteilbabys. Es gibt auch die anderen, klar, aber mit den Stories, wie Babies zu sein haben, verhält es wohl so wie mit Hochglanzwerbung und deren Echtheit für alle ;)

    • Lena, wahrscheinlich hast Du recht! Sowas sagt einem aber auch keiner vorher. Es freut mich aber natürlich, dass Dir der Text gefallen hat.
      Liebe Grüße, Johnny

  4. Lieben Dank für das Lachen :) Auch wenn ich eher ein ambivalentes Baby deiner Diagnose zufolge habe ;)

    LG Jessi

    • Gern geschehen! Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang „ambivalent“? Nimmt es etwa den Schnuller? Oder mag baden?? Das wäre ja fast skandalös „normal“ ;)

      Liebe Grüße, Johnny

  5. Sehr schöner Text!
    So ein Baby haben wir auch:
    Schnuller oder Flasche? Nee, ist ja nicht Mamas Brust!
    Maxi Cosi? Viel zu eng!
    Wasser? Ich schrei dann mal bis ich wieder angezogen bin!

    LG Sarah

    • Freut mich, dass Dir der Text gefällt, Sarah.
      Vielleicht ist das ja alles nur eine Phase…. vielleicht.
      LG, Johnny

  6. Ach ja, wir hatten auch ein Montagsbaby, dass sich vollkommen gegenteilig (und damit normal?!) benommen hat. Ich kann aber zu Protokoll geben, dass sich das verwächst (und jetzt unnormal ist?!)
    Danke für diesen Beitrag!

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, Viktoria.
      Ich merke, ich habe dieses „Gegenteil“-Prinzip nicht bis zu Ende gedacht. Puh.. ;)

      LG, Johnny

  7. Natascha sagt

    Man liefert dieses Modell auch von Samstag auf Sonntag und ich dachte kurz, du schreibst über mein Kind.

    Danke für den Lach-Flash.

  8. Lieber Jonny!

    Toll zusammengefasst … :D

    Yeah. Ich hab die männliche Ausgabe geliefert bekommen. An einem Samstag.

    Schon da fing es an. Denn wer bitte sagt an, dass die Fruchtblase platzen lassen soll, bevor man den Tunnel in die Wirklichkeit nimmt!?

    Einziger Unterschied zu deiner Beschreibung sonst: Baden ist gigantisch toll … aber wieso um Himmels Willen sollte man DAVON müde werden?? Wir gehen synchron mit Broccoli (Beikostbeginn ging NUR grünes Gemüse, inzwischen sind Erbsen auch immer noch der Renner) … Schnullerphobie, Autofahren (das zweite Lebensjahr lässt hoffen) und Pucken (wieso sollte man sich überhaupt alleine hinlegen lassen …)

    ….so …nun ist das Steinzeitbaby dran – den PCs gab es in der ganzen Planung ja auch nicht.
    ~Tabea

    • Liebe Tabea,

      freut mich zu hören, dass ich den Nagel getroffen zu haben schein. ;D
      Die Nachricht, dass Babys angeblich Grünes meiden, halte ich ja auch für eine Ente. Enten sind aber super. Also ist alles gut eigentlich.
      Nur dieses Autofahren, daran müssen wir noch arbeiten. Tjaja.

      Liebe Grüße,
      Johnny

  9. Pingback: #MeibestElternblogbeitragdeMo III | Die Kellerbande mit Herz und Seele

  10. Mammimuc sagt

    Lieber Johnny,

    Welch ein schöner Artikel! Ich kenn viele dieser Gegenteil-Babys, wobei ich mit 2 männlichen 80%-Normalo-Versionen gesegnet worden bin: Schnuller ist ein Suchtmittel (wie bekommen wir den wieder los?), gebadet wird bei uns seit 4 Jahren täglich (aber bitte ohne das Gesicht nass zu machen), Autofahren sorgt für Ruhe (ich bin sooo dankbar), Pucken war Super (was sich aber schnell änderte). Nur essen wollen Sie fast alles – bis auf Brokoli. ;-)
    Es gibt wohl solche und solche – und eben kein Patentrezept für ein zufriedenes Baby. Und da sagen Manche wir kämen als „leeres Blatt“ auf die Welt…. Tzt….

    Weiter so und liebe Grüße!

    • Vielen Dank, Mammimuc(?). Es freut mich, dass Dir mein kleiner Artikel gefällt. Es tut mir natürlich sehr leid für Dich, dass Du so ein langweiliges Kind erwischt hast. Wo bleibt denn da der Nervenkitzel. ;) Nein, Spaß beiseite. Ich mag den Gedanken eigentlich, dass man als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt und es dann selbst beschreibt. Wahrscheinlich ist das aber auch nur die halbe Wahrheit und ein Gegenteil-Baby ist der beste Beweis dafür.

      Aye Captain und liebe Grüße,
      Johnny

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