Papa-Blog
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Das Kind beim Namen nennen

Park

Eine alte, leicht abgewandelte Amateurfußballer-Weisheit besagt: nach dem Countdown ist vor dem Countdown. Und vielleicht ist dieser Countdown der wichtigste von allen, denn dieser eine bestimmt die gesamte Zukunft aller Beteiligten und aller bisher Unbeteiligten aller sieben Königreiche. Das Kind braucht einen Namen, auf das es bald regieren könne. Der ausgedehnten Vorbereitung sprich Schwangerschaft geschuldet, nicht zu vergessen der aufdringlichen Verwandtschaft glaubt man sich auf diesen Countdown vorbereitet. So, als ob man jemals wüsste, was von einem als Eltern, als Vater erwartet würde. Als ob Gewißheit nichts weiter wäre, als ein dünnes Winterlaken. Nur eines, das ist klar: the show must go on, und zwar yeah yeah.

Das Namens-Orakel

Das im Virchow(-Klinikum) das namensverantwortliche Standesamt eine Außenstelle hat, erhöht den Adrenalinspiegel plötzlich und unerwartet deutlich. Was passiert hier? Ich brauche mehr Licht. Und mehr gewürzten Wein. Meine Arbeit hat mich gelehrt: Sobald es auf Papier geschrieben steht, ist es wahr, dann ist es real, dann ist es unumkehrbar. Die Geburt war bereits real. Zumindest bin ich mir dessen sicher, als sie vorbei ist. Und mit vorbei meine ich: Einige Tage später. Und mit Tage meine ich eigentlich.. Wochen. Jahre. Jahre, die erst noch kommen werden. Bis dahin gilt die Improvisation.

Unsere Tochter hat drei Namen. Nur teilweise sind oder waren sie geplant. Statistisch sind sie eine wohl eher zu vernachlässigende Katastrophe, denn Bindestriche haben ihre Namen nicht. Kein doppelter Chantalismus und auch kein dreifacher. Zwei der drei Namen entstanden, wie Babynamen traditionell entstehen. Man steigt auf die Spitze eines nebelumhangenen Berges, Humboldthain oder Teufelsberg, und befragt das nicht ganz volljährige doch reichlich bedröhnte Orakel. Bei der Menge an Bergen in Berlin, Achtung Wortspiel, ein Kinderspiel. Der dritte Name, wenn man so will, ist eine lose Wettschuld, denn der Geburtstag der Tochter fällt auf den Geburtstag einer Freundin. Der dritte Name ist also allein ihr zu Ehren.

Babys aportieren nicht

Was wir nie gemacht haben, auch wenn es schön und schön verklärend klingt: Das Neugeborene befragen, es anschauen und erst dann entscheiden, ob es diesen oder jenen Namen besser bzw. passender tragen solle. Das mag bei Katzen oder Hunden funktionieren. Für mich schien dies Verfahren für unser Baby nicht angebracht. Dass ein Baby kein Haustier ist, das erkennt das geübte Auge spätestens dann, wenn das Kind auch nach Wochen weder aportieren will, nicht schnurrt, noch auf Kommando „Rollen“ hören mag. Auch Baby-Leckerlis sucht man im Gesundbrunnen-Center vergebens.

All Vorbereiten und Namensfindung, all das scheint heute vergessen. Ich hab die Vaterrolle bekommen, nur wird sie täglich umgeschrieben. Die Kleene heißt im alltäglichen Sprachgebrauch „Spatz“ oder „Maus“ oder hat andere Kosenamen, die nicht dafür bestimmt sind, jemals das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Die Frage ist, warum das so ist? Das Kind beim Namen nennen. So viel Zeit und Gedanken investiert, der Tragweite der Entscheidung sich bewusst gewesen. Und dann? Herzlichen Glückwunsch, ihr Kind, es ist eine Maus. Oder ein Spatz.

Ehrlich sein

Manche von uns brauchen Zeit. Zeit, bis man bereit ist, das Kind beim Namen zu nennen, denn es beim Namen zu nennen heißt, es als eigenständigen Menschen anzuerkennen. Das Baby also ein Mensch, für den man ab sofort verantwortlich ist. In Gegenwart und vor allem für dessen Zukunft. Der Kosename für’s Baby ein Versuch, sich selbst nur ein wenig Zeit zu leihen. Die Verantwortung langsam und Schritt für Schritt zu verstehen. Es anzugehen. Ehrlich. Bis man vielleicht soweit ist. Allzu viel Zeit hat man allerdings nicht, denn auch das Baby will bald wissen, wer es ist. Wer sind die Konstanten, die der Welt Struktur, dem Baby Halt geben? Schritt für Schritt. Wir beginnen, das Kind beim Namen zu nennen. Warum nur vergeht die Zeit so schnell?

6 Kommentare

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  2. Was für ein schöner und inspirierender Artikel (bin aktuell im 7.monat) – so ist das, wenn man „das Kind beim Namen nennen“ muss. Meine große Tochter trug so lange Tiernamen bis ich irgendwo las, dass Kinder im Alter von 4 Monaten schon ihren Namen am Klang erkennen können. Und ich dachte: oh, wann habe ich sie denn mal mit ihrem richtigen Namen angesprochen…? Ups ;)

    • Hallo Vivi,

      haha ja, sowas habe ich auch gelesen und mich etwas gewundert. Mittlerweile versuche ich ihren Namen öfter zu benutzen. Sie hört aber dennoch glaub ich mehr auf ihre Tiernamen. Ohje. Aber Du weißt wenigstens, worauf Du Dich einlässt, wenn es ja schon Dein zweites Kind ist. Herzlichen Glückwunsch übrigens und vielen Dank für’s Kompliment. :)

      johnny

  3. Pingback: Ich wollte euch etwas zu lesen geben. Was dann geschah, holte mich aus dem Urlaub zurück! « Chaos² – Familienwahnsinn im Doppelpack

  4. Hach ja,

    wir stecken auch grad in der Namenfindungsphase und können uns leider kaum auf einen Vornamen einigen, der uns beiden zusagt und hoffentlich später auch einmal dem Kind. Schließlich ist der Name ja „identitätsstiftend“ liest man häufiger. Das nimmt natürlich dann etwas Druck aus der ganzen Sache. Wir hatten schließlich auch schon die Idee, das Kind erst einmal namenslos zu lassen, bis wir seine Wesenszüge kennenlernen und ihm dann einen passenden Namen vergeben können. Aber sowas macht man ja nicht!

    Seitdem ich allerdings weiß, dass unser Kind voraussichtlich ein Junge wird, so nenne ich ihn auch insgeheim nach meinem Wunschnamen und mache diesen unter Freunden publik, damit auch meine Verlobte sich an mienen Vorschlag gewöhnen kann und vielleicht doch noch einlenkt.

    Den Artikel hast du übrigens sehr schön geschrieben. Hat wirklich Spaß gemacht, ihn zu lesen.

    • Erst einmal „Herzlichen Glückwunsch“.. spannend wird’s! ;)
      Dieses Konzept, sich erst kennenzulernen und dem Baby dann einen Namen zu geben, find‘ ich in der Theorie richtig und gut,
      aber irgendwie haben wir es nicht angewandt. Wir wussten den Namen schon vorher. Stresst euch nicht. Der Name kommt schon noch. Manchmal braucht es eben auch Zeit, bis man sich an einen Namen gewöhnt (im positiven Sinne).

      Oh freut mich natürlich, dass der Artikel Dir gefallen! Vielen Dank!

      Johnny

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